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Brig-Glis muss sich nicht hinter den Walliser Bergen verstecken
Brig-Glis hat den Wakkerpreis 2026 erhalten – und das zu Recht. Als regionales Zent-rum übernimmt die Stadt eine Scharnierfunktion, die nicht nur Geschichte und Charme widerspiegelt: Brig-Glis hat auch aus raumplanerischer Sicht gut gearbeitet. Hinter der Auszeichnung stehen eine über Jahrzehnte gewachsene Planungskultur, ein bewusster Umgang mit dem historischen Erbe und eine etablierte Wettbe-werbskultur. All das wird getragen von Akteuren, welche die alpine Kleinstadt nicht als blosse Kulisse verstehen.
- Vertrauen in die fachliche Führung lohnt sich
- Wettbewerbe systematisch nutzen
- Es braucht Menschen, die sich kümmern
Diese Geschichte beginnt nicht mit der gepflegten Altstadt oder dem reizvollen Stockalperpalast. Sie beginnt in der Gewerbezone.
Der Stockalperpalast, das «Versailles der Alpen».
(Quelle: Gaëtan Bally/Keystone/Schweizer Heimatschutz)
Warum?
Brig-Glis verpflichtet die Eigentümerinnen und Eigentümer bei Neu‑ und Umbauten in der Gewerbezone seit geraumer Zeit, Bäume zu pflanzen. Diese Vorgabe stösst bei den Unternehmern zuweilen auf wenig Verständnis, schliesslich soll der ohnehin begrenzte Boden möglichst effizient genutzt werden. Der ehemalige Stadtarchitekt Roland Imhof bestand jedoch auf diese Vorgabe, und trotz Unmut und zahlreicher politischer Vorstösse hält die Stadt wacker an dieser Strategie fest. Die Stadt kommt den Gewerbetreibenden aber so weit entgegen, dass die Bäume auch auf öffentlichem Grund gepflanzt werden können.
Die Gewerbezone Gamsen hat ein grünes Gesicht bekommen.
Nach und nach zeigt sich, dass diese Bemühungen sprichwörtlich Früchte tragen. Die Gewerbezone Gamsen ist zwar kaum ein Vorzeigeort der Gemeinde, hat aber ein grünes Gesicht bekommen. Lange bevor Klimawandel und Begrünung thematisch in die Stadtplanung Einzug hielten, wurde dort eine Idee für mehr Lebensqualität praktisch umgesetzt.
Die ersten Bäume in der Gewerbezone Gamsen.
(Quelle: Norbert Russi EspaceSuisse)
Baumallee an der Hauptstrasse.
(Quelle: Norbert Russi EspaceSuisse)
Neue Baumallee bei der Zollanlage Gamsen.
(Quelle: Norbert Russi EspaceSuisse)
Das Beispiel zeigt exemplarisch auf, wie Brig‑Glis seit den frühen 1970er‑Jahren seine Stadtentwicklung angeht. Neben der umsichtigen Pflege des historischen Erbes sind dabei fünf Faktoren entscheidend.
1. Vertrauen in die Fachkompetenz #
Bereits seit über 50 Jahren gibt es in Brig‑Glis – als einzige Oberwalliser Gemeinde – den Posten eines Stadtarchitekten. Er berät Bauherrschaften, stösst Wettbewerbe an und achtet auf die Bau‑ und Ortsbildqualität. Diese Rolle ist zentral für eine fachlich strukturierte Planung und gilt bis heute als «Motor für eine hochwertige Baukultur» der Stadt. Die Stadtarchitekten forderten und förderten in kontinuierlicher, manchmal unkonventioneller Weise eine qualitätsvolle Stadtentwicklung.
- 1974–1991: Peter Burchard
- 1992–2011: Hans Ritz
- 2011–2022: Roland Imhof
- 2022–2024: Daniela Holzer
- seit 2025: Daniel Giezendanner
Hans Ritz leitete das Bauamt ab den 1990er-Jahren während knapp zwei Jahrzehnten und verfolgte dabei zwei Ziele: Bei jedem Projekt stellte er die Frage nach der Aufwertung des Bestandes. Wer keine überzeugende Antwort lieferte, erhielt eine Absage.
Qualitätsfördernde Planung im Dialog.
Hans Ritz, ehem. Stadtarchitekt Brig-Glis
Zum Zweiten suchte er stets nach der richtigen Gewichtung und Abwägung der Interessen aller Beteiligten. Er selbst bezeichnete seine Arbeit als «qualitätsfördernde Planung im Dialog» und setzte diese Philosophie durch einen offenen Diskurs mit den Initiatoren eines Bauprojekts um. In seinem Büro war er jederzeit, sogar abends und am Wochenende, erreichbar.
Strategischer agierte sein Nachfolger Roland Imhof. Lange Zeit konnte die Stadt lediglich auf die Bauzonenordnung von 1984 zurückgreifen. Imhof bestand schon früh darauf, ein städtebauliches Leitbild zu erarbeiten, das als strategische Planungsgrundlage dienen sollte.
Das 2014 ausgearbeitete Leitbild beschreibt, was Brig‑Glis ausmacht: Die Mischung aus urbanem Zentrum, historischen Dorfkernen und prägender Naturlandschaft ist die Basis, um diese Qualitäten zu bewahren und weiterzuentwickeln. Obwohl das Leitbild nur den Status einer Empfehlung besitzt und keine verbindliche Vorgabe für die Exekutive darstellt, wird es bei Planungen immer wieder als Entscheidungshilfe herangezogen, so bei öffentlichen Freiräumen wie dem Dorfplatz Glis.
Imhof zeigte sich hartnäckig, wenn Qualität in Frage gestellt wurde. Als Stadtarchitekt von Brig-Glis scheute er sich auch nicht davor, schwierige Dossiers anzupacken wie die Revision der Nutzungsplanung und deren Anpassung an das revidierte Raumplanungsgesetz (RPG 1).
Unterstützt von externen Fachkräften und auf Basis des Leitbildes erarbeitete er ein umfassendes, fachlich solide begründetes Raumkonzept. Im Mittelpunkt: die qualitative Siedlungsentwicklung, etwa mit klar formulierten Entwicklungszielen. Sein Primat war nicht der Erhalt von möglichst viel Bauland, sondern vielmehr die Frage, welche Orte für die Stadt in Bezug auf die Verdichtung, Freiräume, Erholung, Erschliessung und Umwelt bevorzugt entwickelt werden sollten.
Stadtarchitekt Imhof zeigte sich hartnäckig, wenn Qualität in Frage gestellt wurde.
Nach Imhofs Demission 2022 wurde die für die Revision der Nutzungsplanung eingesetzte Planungskommission faktisch aufgelöst. Der politische Wind ist rauer geworden, und die Weiterführung der begonnenen Arbeiten ungewiss. Erst kürzlich ist mit Daniel Giezendanner ein neuer Stadtarchitekt ernannt worden. Für ihn ist zu hoffen, dass er bei seiner Arbeit die im Projekt gesetzten Ziele zur Verbesserung der Siedlungsqualität beibehalten kann.
2. Politischer Rückhalt und Kontinuität #
Diese kürzlich entstandenen Divergenzen sind untypisch für die Stadt Brig-Glis. Im Gegenteil: Eine nachhaltige Erklärung für die positive Entwicklung der Stadt liegt gerade im Rückhalt und fachlichen Verständnis innerhalb der Exekutive. Stadtarchitekten und Fachkräfte des Bauamts konnten ein Vertrauensverhältnis zu den politisch Verantwortlichen aufbauen – nicht zuletzt, weil einzelne Politikerinnen und Politiker über lange Zeit in Führungspositionen blieben und so Kontinuität ermöglichten. Sie hatten ein offenes Ohr für die Anliegen der Fachkräfte und nahmen sich Zeit, die komplexe Materie zu verstehen – zum Wohle der Stadt.
Diese Kontinuität offenbart sich in der Chronologie der Stadtpräsidenten: von 1982 bis 2020 waren es gerade einmal vier. Die langjährige Zusammenarbeit und das entgegengebrachte Vertrauen waren massgebliche Schlüssel für die qualitätsvolle Entwicklung von Brig-Glis.
Rolf Escher, ehemaliger Ständerat und Grossrat, 24 Jahre im Stadtrat, Stadtpräsident von 1982 bis 1995
Peter Planche, 20 Jahre im Stadtrat, Stadtpräsident von 1995 bis 2000
Viola Amherd, ehemalige Bundesrätin und Nationalrätin, 20 Jahre im Stadtrat, Stadtpräsidentin von 2000 bis 2012
Louis Ursprung, ehemaliger Grossrat, 30 Jahre in der Exekutive tätig und Stadtpräsident von 2013 bis 2020
Matthias Bellwald, seit 2015 im Stadtrat, Stadtpräsident seit 2021
Das Parkhaus Weri in unmittelbarer Nähe zur Altstadt.
(Quelle: Norbert Russi EspaceSuisse)
Die Baumallee und die Platzgestaltung entstanden aus einem früheren Wettbewerb heraus.
(Quelle: Norbert Russi EspaceSuisse)
3. Der Wettbewerb als Ideenbringer und Qualitätssicherung #
Ein stiller, aber entscheidender Faktor für die Qualität der bestehenden öffentlichen Bauten: Brig‑Glis setzt seit den frühen 1980er‑Jahren systematisch Wettbewerbsverfahren ein – nicht als Ausnahme, sondern als Regel. Der Kanton Wallis hatte bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts für öffentliche Bauten Wettbewerbe durchgeführt. In den späten 1970er‑Jahren priorisierte Kantonsarchitekt Bernard Attinger diese Praxis erneut, und sie hat bis heute Bestand.
Die Stadtarchitekten von Brig‑Glis übernahmen dieses Vorgehen erfolgreich und lancierten oder begleiteten in den letzten 50 Jahren weit über 50 Wettbewerbe. Die Verantwortlichen befürchteten offensichtlich nicht, das Zepter bei der Planung aus der Hand zu geben, sondern setzten den Wettbewerb bewusst als qualitätsförderndes Instrument.
Eine kleine Auswahl von der Stadt Brig-Glis begleiteten oder durchgeführten Wettbewerbsverfahren:
2012: Testplanung Bahnhof und Quartier Brig-West
- Stadt Brig-Glis
- mehrstufiger Studienauftrag auf Einladung
2012: Neugestaltung Dorfplatz Glis
- Stadt Brig-Glis
- einstufiger Wettbewerb im offenen Verfahren
2014: Velo- und Fussgänger-verbindung Brig <> Visp
- Stadtgemeinden Brig-Glis und Visp
- Ideenwettbewerb im offenen Verfahren
2014: Projektwettbewerb Bahnhofplatz Brig
- Stadt Brig-Glis
- Planerwahlverfahren mit Präqualifikation
2023: Neubau Schulhaus Mitte, Glis
- Kanton Wallis
- einstufiger Wettbewerb im offenen Verfahren
2025: Alte Landstrasse, Gamsen
- Stadt Brig-Glis
- einstufiger Wettbewerb im offenen Verfahren
Der 1984 initiierte offene Ideenwettbewerb «Parkhaus und Altstadtsanierung auf der Weri» verdeutlicht den Einfluss solcher Verfahren. Die eingegebenen Beiträge zeigten auf, wie sensibel Eingriffe im Altstadtzentrum für das historische Umfeld sind. In der Folge war eine grundlegende Überarbeitung des Siegerprojekts unabdinglich. Der Architekt Hartmut Holler entwickelte darauf gemeinsam mit der Stadt und auf Basis des Juryberichts ein stark reduziertes Projekt: eine an die Altstadt grenzende Parkgarage, ein darüberliegender Stadtplatz und ein präzis definiertes Bauvolumen mit einer öffentlich zugänglichen Stadtbibliothek.
Dieses sorgsam überarbeitete Projekt stärkte den Zugang zur Altstadt und gilt als eines der wichtigsten Bauwerke der neueren Geschichte von Brig‑Glis.
4. Veränderung nach verheerender Überschwemmung #
Das Unwetter vom 24. September 1993 überschwemmte grosse Teile der Altstadt und des kommerziellen Zentrums mit einer Schlamm- und Schuttlawine und zerstörte sie. Dieses Ereignis war ein kraftvoller Katalysator, um die Nutzung der Innenstadt radikal neu auszurichten.
Es zeigte sich, dass die Innenstadt auch ohne Durchgangsverkehr und Parkplätze funktionierte.
Die Stadt befand sich nach der Überschwemmung in einem «künstlichen Koma». Beim Wiederaufbau und den damit verbundenen Strassensperrungen zeigte sich, dass die Innenstadt auch ohne Durchgangsverkehr und Parkplätze funktionierte. So wurden Flächen frei, die sich als Plätze für Aufenthalt und Begegnung nutzen liessen.
Trotz Bedenken der Gewerbetreibenden, die um die Parkplätze vor ihren Läden fürchteten, wurde im Frühjahr 1994 ein öffentlicher Projektwettbewerb zur Neugestaltung einer grossenteils autofreien Innenstadt ausgeschrieben. Fachleute aus der ganzen Schweiz sowie aus der italienischen Provinz Novara durften teilnehmen.
Das Team der Landschaftsarchitekten Weber & Saurer und Architekten Flury & Rudolf gewannen den Auftrag – nicht zuletzt, weil sie das sparsamste und pragmatischste Konzept erarbeiteten. Es stellte den Stadtraum in den Mittelpunkt und war zugleich am leichtesten umzusetzen. Das Ergebnis überzeugt bis heute: Die Fussgängerzone von Brig‑Glis hat für viele Kleinstädte der Schweiz Vorbildfunktion.
Der Bildungshügel bei der Altstadt von Brig-Glis.
(Quelle: Gaetan Bally Keystone/Schweizer Heimatschutz)
5. Bildung belebt #
Planung allein kann einer Stadt kein Leben einhauchen. Brig‑Glis war schon immer das Bildungszentrum des Oberwallis. Es wurde von weitsichtigen Stadtpräsidenten gefördert und weiter ausgebaut. Neben den traditionsreichen Einrichtungen wie dem Gymnasium Kollegium Spiritus Sanctus wurden neue Institutionen willkommen geheissen, etwa diverse Fachhochschulen und die FernUni Schweiz.
Diese Einrichtungen sind heute wichtige Impulsgeber für die Stadt. Entscheidend ist, dass sie bewusst an das Stadtzentrum angebunden wurden: Studierende leben und studieren im Ort, beleben die Gassen und identifizieren sich mit Brig‑Glis als ihren Schulort und Treffpunkt.
Planung allein kann einer Stadt kein Leben einhauchen.
Umso bedauerlicher ist es, dass bei dem kürzlich vom Kanton Wallis lancierten Projektwettbewerb für einen neuen Campus der Bildungseinrichtungen HES-SO Valais-Wallis, PH-VS und Stiftung HF Gesundheit dieser Grundsatz der Zentralität vergessen worden ist. Das Projekt am westlichen Siedlungsrand hat keine Berührungspunkte zur Innenstadt von Brig mehr.
Agglomeration BriViNa #
Die Stadt Brig-Glis ist nicht der alleinige Entwicklungshotspot im Oberwallis. Gemeinsam mit Visp und Naters bildet die Stadt den Kern einer dynamischen Agglomeration im multifunktionalen Talboden – einem Lebens-, Kultur- und Wirtschaftsraum für rund 50'000 Einwohnerinnen und Einwohner.
Mit der Zusammenarbeit im Rahmen der Agglomeration BriViNa wurden wichtige Schritte unternommen, um die Entwicklung regional zu steuern. So beschlossen die beteiligten Gemeinden bereits in der 1. Generation des Agglomerationsprogramms, einen behördenverbindlichen interkommunalen Richtplan als Grundlage für eine gemeinsame räumliche Vision zu erarbeiten. Der Entwurf liegt seit 2020 vor. Die Vernehmlassung bei den Gemeinden fand statt, eine Genehmigung steht jedoch bis heute aus: Zu gross sind die Befürchtungen bei einzelnen Gemeinden, dadurch einen Teil der Gemeindeautonomie bei raumplanerischen Fragen zu verlieren.
Umso wünschenswerter wäre es, wenn das gelebte Beispiel von Brig-Glis – nicht zuletzt im Kontext der Verleihung des Wakkerpreises – auch innerhalb der Region eine ansteckende Wirkung entfalten könnte.
Auch im Agglomerationsprogramm der 4. Generation sind spannende Elemente zur Qualität definiert worden.
A1. Die Aufenthaltsqualität und Nutzbarkeit der öffentlichen Räume durch eine Gestaltungs-Charta fördern
A2. Die Landschaft im Talboden und im Siedlungsgebiet aufwerten
A3. Das Siedlungsgebiet sorgfältig gestalten und weiterentwickeln
A4. Das Angebot für den Langsamverkehr stärken
Wie weiter? #
Der Wakkerpreis des Schweizer Heimatschutzes wird an mutige, innovative und umsichtige Städte und Gemeinden verliehen, die sich durch qualitätsorientierten und nachhaltigen Umgang mit ihrer Baukultur auszeichnen. Brig‑Glis kann diese Qualitäten vorweisen.
Die grossen Herausforderungen liegen anderswo:
- strategisch in der Ausrichtung der Nutzungsplanungsrevision;
- planerisch in den Quartieren ausserhalb des Zentrums und an den Siedlungsrändern, wo letzte Freiflächen noch nach der Bauzonenordnung von 2007 überbaut werden.
Ein Beispiel ist die Gliserallee mit ihrer prägenden Bausubstanz: Abbrüche und grossvolumige Neubauten verändern die einst repräsentative Allee zur Pfarrkirche Glis zunehmend. Entscheidend ist, die letzten Freiflächen vor spekulativen Wohnbauprojekten zu schützen und Ersatzneubauten so zu steuern, dass Ortsbild und Qualität der Strassenräume erhalten bleiben.
Die Stadt Brig-Glis verfügt über die Grundlagen und die Verwaltungsstrukturen für eine qualitätvolle räumliche Entwicklung. Nun gilt es, die Ziele zu festigen und klare Verbindlichkeiten festzulegen. Die vorhandenen Instrumente würden dabei helfen, das Gemeinwohl wieder konsequenter vor die Eigeninteressen zu stellen und das planerische Erbe der qualitätsvollen Siedlungsentwicklung in Brig-Glis zu sichern.
