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Entrümpeln statt deregulieren

Wie kommt der Wohnungsbau schneller voran, ohne dafür die Qualität der Siedlungen zu opfern? Kann man einfacher bauen, ohne die Raumplanung über den Haufen zu werfen? An der Swissbau 2026 in Basel zeigte sich: Ja, man kann. Viele Instrumente stehen schon heute zur Verfügung.

Im Fokus Innenentwicklung Siedlungsqualität Interessenabwägung

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Wer «Verfahren» sagt, meint eigentlich «lange Verfahren» – dies gilt bei weitem nicht nur für die Schweiz. Wer also schneller und einfacher bauen will, verkürzt diese Prozesse – und dann ist alles gut? Mitnichten, auch wenn seit Monaten die Schlagzeilen zur heilsbringenden Deregulierung von Raumplanungsgesetz, Bau- oder Mietrecht dominieren.

Aufräumen und entrümpeln #

Bemerkenswerterweise fokussierten die drei Veranstaltungen an der Swissbau 2026 (siehe auch Kasten am Schluss) denn auch auf Lösungen, die das Kind nicht mit dem Bade ausschütten. Damian Jerjen, Direktor von EspaceSuisse, machte den Anfang: «Wer vereinfachen will, muss auch sagen, welche Ziele fallengelassen werden sollen.»

Wer vereinfachen will, muss auch sagen, welche Ziele fallengelassen werden sollen.

Damian Jerjen, Direktor EspaceSusse

Vom Neubau-Primat zum Umbau-Primat #

Der Auftrag und die Ziele in der Bundesverfassung und im Raumplanungsgesetz seien klar: Die Raumplanung sorgt für einen zweckmässige und haushälterische Nutzung des Bodens, die Siedlungsentwicklung ist nach innen zu lenken, die natürlichen Lebensgrundlagen sind zu schützen. Unbedachtes Deregulieren führe zu Rechtsunsicherheit – Gift für Investoren. Das bestehende System biete viele Spielräume. «Entrümpeln ist angesagt», schlussfolgerte Jerjen. Welche Regeln sind überflüssig? Welche gar kontraproduktiv? Diese gelte es anzupassen, zu vereinfachen oder aufzuheben.

Wie das geht, führte Daniel Scheurer vom Bau- und Verkehrsdepartement des Kantons Basel-Stadt aus. An einem Runden Tisch diskutierten Vertreterinnen und Vertreter von Verbänden, Politik, Architektur, Planung und Verwaltung die Schwierigkeiten und mögliche Lösungen. Zu Beginn war besonders wichtig, gegenseitiges Vertrauen aufzubauen: «Wir hatten eine Kultur des Sich-gegenseitig-Vorwürfe-machens», so Scheurer. 

Als dies geschafft war, ging es ans Eingemachte. Zwei Arbeitsgruppen identifizierten die Schwerpunkte, rangen um Lösungen. Das Resultat: Um die Verfahren in Basel zu beschleunigen, soll unter anderem die koordinierende Rolle der Baubewilligungsbehörde gestärkt und ihre personellen Ressourcen ausgebaut werden. Dies erfordert eine Gesetzesanpassung. 

Wir hatten eine Kultur des Sich-gegenseitig-Vorwürfe-machens.

Daniel Scheuer, Bau- und Verkehrsdepartement BS

Dasselbe gilt für die geplante Förderung von Umbauten: Die Vorschriften sind derzeit zu stark auf Neubauten ausgerichtet, was das Bauen im Bestand – ein wichtiges Element bei der Verdichtung – behindert. Wer bei einem Umbau beispielsweise neue Fenster montieren will, kommt um die Frage der Wärmedämmung nicht herum. «Es droht ein Auflage-Tsunami», so Scheurer. Basels Lösungsansatz: Die heutigen Normen überprüfen (der SIA sass übrigens auch am Runden Tisch) und allenfalls beschränken, zum Beispiel auf sicherheitsrelevante Aspekte wie der Brandschutz. 

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Aktuelle Herausforderungen

Aus Sicht der Raumplanung stehen folgende Faktoren im Vordergrund:

  • Genügend bedarfsgerechter Wohnraum
  • Verfügbares Bauland
  • Akzeptanz von Verdichtung
  • Komplexe Planungsprozesse und lange Verfahren
  • Zielkonflikte und anspruchsvolle Interessenabwägung
  • Verdichtungshemmnisse
  • Genügend Ressourcen und Kompetenzen

Dialog – Dialog – Dialog #

Was Basel im Kleinen vormacht, lässt sich auf die ganze Schweiz übertragen. In diesem übergeordneten Sinn initiierte die TK, die Tripartite Konferenz, 2022 einen Dialog mit Vertreterinnen und Vertretern von Verwaltung, Politik, Verbänden, Zivilgesellschaft sowie Bau- und Immobilienwirtschaft. Auch in diesem Kreis ging es zuerst darum, aus sehr unterschiedlichen Vorstellungen ein gemeinsames Verständnis zu entwickeln. 

Und siehe da: Auch hier gelang es. So einigte man sich unter anderem darauf, dass die Interessenabwägung die Grundlage für eine qualitätsvolle Innenentwicklung ist, eine geteilte Vision Einzellösungen vorzuziehen oder die frühe und breite Mitwirkung zwingend ist.

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«Wichtig ist ein frühzeitiger, strukturierter Dialog», ist Thomas Minder von der TK überzeugt. Der Befund: Es fehlt weniger am Wissen als an der praxisorientierten Anwendung, gegenseitiger Verlässlichkeit und gemeinsamem Umsetzungswillen. Was hilft? Aktive Gemeinden, digitale Abläufe, Checklisten für Gesuche oder eben eine sorgfältige, frühzeitige Interessenabwägung, damit es später nicht zu unnötigen Verzögerungen kommt wie so oft heute.

Mehr Handlungsspielraum #

Die verschiedenen Referate boten einen interessanten Mix aus Fakten, Analysen und konkreten Lösungsansätzen (siehe auch Kasten unten). Das nachfolgende Podium diente derweil der Vertiefung. Eine Kurzumfrage im Publikum machte die grössten Hürden für den Wohnungsbau bei der Regulierung und den Einsprachen aus (die Bodenpreise waren auch in den Top 3-Themen, sprengte aber den Rahmen der Veranstaltung zum einfachen Bauen).

Esther Keller, die als Vorsteherin des Bau- und Verkehrsdepartements des Kantons Basel-Stadt den oben erwähnten Runden Tisch angestossen hatte, war nicht überrascht vom Umfrageresultat. Die Ausgestaltung des Einspracherechts stamme noch aus Zeiten, als vornehmlich auf der grünen Wiese gebaut wurde. Sie mahnte aber zur Vorsicht bei der Anpassung von Gesetzen, damit ein Bauprojekt vor den Gerichten auch Bestand habe. Spielraum böten beispielsweise Sondernutzungspläne, gerade in der Innenentwicklung. 

Ob dieser Aussage schrillten bei Balz Halter, Verwaltungsratspräsident der Halter AG, die Alarmglocken, da heute bei grösseren Projekten vor allem mit Sondernutzungsplänen gearbeitet werde «Wir brauchen schon in der Grundordnung Flexibilität, damit die Behörden mehr Handlungsspielraum haben bei ihren Entscheiden.» 

Schnell kam auch das ISOS zur Sprache und wie dieses Bundesinventar die Verdichtung hemme – für Hanspeter Hilfiker, Stadtpräsident von Aarau AG und Präsident des Schweizerischen Städteverbands, ein gutes Beispiel einer Entrümpelung: Die vielkritisierte sogenannte Direktanwendung des ISOS, sobald eine Bundesaufgabe im Spiel ist, wird zurzeit angepasst.

Antworten auf die Kurzumfrage zur Umsetzung der Innenentwicklung: «Wo sehen Sie die grössten Hürden?»

Fazit #

Der Wille scheint also durchaus vorhanden, das Bauen zu vereinfachen, und zwar sowohl bei den Planenden als auch bei der Verwaltung und der Politik. Die Lösungen aber sollen konstruktiv sein, partnerschaftlich und nicht mit dem Holzhammer herbeigeführt. So lässt sich nicht nur der Wohnungsbau beschleunigen, sondern auch die Qualität der Siedlungen sichern. Die Impulse an der Swissbau 2026 zeigen den Weg.

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Aktionsplan Wohnungsknappheit

Aufgrund der Wohnungsknappheit in gewissen Regionen, insbesondere den Zentren, lancierte der Bund 2023 einen Runden Tisch, an dem sich auch EspaceSuisse beteiligte. Viele Massnahmen sind in Arbeit, einige bereits umgesetzt, so beispielsweise die von EspaceSuisse erarbeitete Arbeitshilfe «Interessenabwägung für eine qualitätsvolle Innenentwicklung».

Aus Sicht des Bundesamts für Wohnungswesen (BWO) stellen sich folgende Herausforderungen:

  • Preisentwicklung beim Bauland
  • Siedlungsentwicklung nach innen funktioniert, aber der «Output» ist bislang zu gering
  • Spannungsfeld Sanierungen vs. Verdrängung
  • Unklare Regeln bei Mietzinsgestaltung / Definition der missbräuchlichen Mietzinse
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