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Mit Dialog qualitätsvoll innenentwickeln
Die Schweiz braucht mehr Wohnraum und gleichzeitig weniger Zersiedlung. Dies ist nur auf den ersten Blick ein Widerspruch. Die Lösung: eine qualitätsvolle Innenentwicklung – auch wenn sie anspruchsvoller ist als gedacht. Vertreterinnen und Vertreter von Bund, Kantonen, Gemeinden, Verbänden und der Bauwirtschaft haben deshalb gemeinsam an Vorschlägen für die Praxis gearbeitet. Das Ergebnis: fünf Erfolgsfaktoren, konkrete Empfehlungen – und eine erhellende Erkenntnis.
- Verdichtungsprojekte müssen den Alltag verbessern
- Strategische Planung angehen
- Gemeinsam verbindliche Qualitätskriterien definieren
- Frühzeitigen Dialog mit klaren Spielregeln einrichten
- Zuständigkeiten regeln
Innenentwicklung vor Aussenentwicklung – diese Devise gilt seit der Revision des Raumplanungsgesetzes (RPG 1), die Mitte 2014 in Kraft trat. Wächst eine Gemeinde, muss sie dies in erster Linie innerhalb der bestehenden Siedlung tun, also verdichten, und zwar mit Qualität.
Die RPG 1-Revision dient auch dazu, unbebaute Wiesen am Ortsrand Wiesen sein zu lassen.
(Quelle: Esther van der Werf EspaceSuisse)
Die Umsetzung stockt jedoch vielerorts. Die Gründe sind bekannt: Verfahren dauern lang, Zuständigkeiten sind unklar, Interessen prallen aufeinander. Projekte scheitern oftmals am Widerstand der Bevölkerung – selbst wenn alle wissen, dass mehr Wohnraum nötig wäre.
Weiter unten listen wir die Verdichtungshemmnisse und ihre Hebel auf.
Verdichtung hat also ein Akzeptanzproblem. Heisst: Die ansässige Bevölkerung trägt sie nur mit, wenn sie Qualitäten bewahrt, Mehrwerte schafft oder Defizite behebt, beispielsweise durch
- attraktivere Aussenräume;
- mehr Grün;
- kürzere Wege oder
- soziale Infrastruktur.
Fehlen diese Qualitäten, folgt der Widerstand – beispielsweise mit einem Nein zu Ortsplanrevisionen oder durch Einsprachen bei konkreten Planungen und Bauvorhaben.
Mehrwert für beide Seiten: Der Bauherr durfte höher bauen, und die Bevölkerung in Massagno TI erhielt dafür öffentlich zugänglichen Grünraum mit den bestehenden Bäumen.
(Quelle: Studio Remo Leuzinger)
Qualitätsvolle Innenentwicklung ist auch eine kulturelle, gesellschaftliche und politische Aufgabe.
Gemeinsames Verständnis entwickeln #
Im Wissen um die Herausforderungen in der Praxis lancierte die Tripartite Konferenz (TK) 2022 einen strukturierten Dialog zwischen öffentlichen und privaten Akteuren. Ziel war es, ein gemeinsames Verständnis von qualitätsvoller Innenentwicklung zu entwickeln und konkrete Handlungsempfehlungen zu erarbeiten. In sieben Workshops diskutierten Vertreterinnen und Vertreter während drei Jahren intensiv miteinander; EspaceSuisse begleitete den Prozess fachlich.
Als Grundlage und Wegweiser wurde ein gemeinsames Ziel definiert:
Lebenswerte Räume, die den Bedürfnissen der
- Gesellschaft (Chancengleichheit, sozialer Zusammenhalt);
- Wirtschaft (nachhaltiger Konsum, nachhaltige Produktion) und
- Umwelt (Klimaschutz, Biodiversität) gerecht werden,
und eine hohe Akzeptanz geniessen.
Die Tripartite Konferenz (TK) lancierte 2022 den Dialog «Qualitätsvolle Innenentwicklung». Die TK ist eine politische Plattform von Bund, Kantonen, Städten und Gemeinden. EspaceSuisse hat den Prozess von 2022 bis 2025 fachlich begleitet und die Dokumentenanalyse sowie den Synthesebericht erstellt.
Teilnehmerinnen und Teilnehmer des TK-Dialogs:
- Bundesämter: ARE, BAK, BWO
- Kantonale Planungsdirektionen: BPUK, KdK
- Städte und Gemeinden: SSV, SGV
- Verbände: FSU, SIA, SHS, BSLA, SBV, SL, WBG, Wohnen Schweiz
- Investoren und Bauträger: VIS-AIS, IPB, SBB Immobilien, Entwicklung Schweiz
Alle Unterlagen zum Projekt – Zwischenergebnis (2023), Auslegeordnung (2024), Kurz- sowie Synthesebericht und ein kompakter Info-Flyer (alle 2025) – sind online verfügbar.
Die Auslegeordnung #
Bevor der TK-Dialog Handlungsempfehlungen formulieren konnte, brauchte es eine Bestandsaufnahme in den drei zu Beginn festgelegten Handlungsfeldern:
- Planungsprozesse und Verfahren
- Interessenabwägung
- Verdichtungshemmnisse und ihre Hebel
Die von EspaceSuisse erstellte Auslegeordnung bestehender Grundlagen zeigt deutlich: Das nötige Wissen ist weitgehend vorhanden. Es fehlt: die konsequente Anwendung.
Schauen wir uns die einzelnen Handlungsfelder an:
1. Planungsprozesse und Verfahren #
Verfahren im bereits bebauten Gebiet sind komplex. Lange Bearbeitungszeiten, Nachforderungen, fehlende Koordination zwischen Behörden verschiedener Ebenen, starre Planungsvorschriften, aber auch fehlende Ressourcen – all das verzögert Projekte und erhöht die Kosten.
Das Verbandsbeschwerderecht ist kein Hindernis für die Verdichtung.
Immer wieder gerät auch das Verbandsbeschwerderecht unter Verdacht. Die Analyse zeigt aber: Es ist kein grundsätzliches Hindernis für die Verdichtung. Projekte, die von Anfang an breit abgestützt entwickelt werden, stossen seltener auf Widerstand. Zu Einsprachen von Privaten war die Literatur dagegen dünn. Vertiefende Grundlagen liefern die im Rahmen des Aktionsplans Wohnungsknappheit publizierten Studien zu den Rechtsmitteln (ARE/BWO) sowie der Bericht des Bundesrates zu verschiedenen wohnungspolitischen Postulaten.
Als Lösungsansätze zum Handlungsfeld Planungsprozesse und Verfahren empfiehlt der TK-Dialog: offenere und flexiblere Nutzungspläne, gezielte Digitalisierung der Verfahren sowie den Einsatz innovativer Planungsinstrumente.
Zone für Planungspflicht (ZPP), Kanton Bern
Die baurechtliche Grundordnung wird durch eine Planung auf Ebene eines Sondernutzungsplans (hier eine Überbauungsordnung) ergänzt. Der Rahmen bleibt bewusst grosszügig. Die Überbauungsordnung kann flexibel ausgestaltet werden, und in bestimmten Fällen kann eine Baubewilligung ohne Überbauungsordnung erteilt werden.
Cahiers des charges, Delémont JU
Verbindliche Architektur- und Planungsrichtlinien für alle Häuserblöcke. Nach einem Architekturwettbewerb kann direkt ins Baubewilligungsverfahren eingestiegen werden – ohne Überbauungsplan.
Bau-Memorandum, Disentis GR
Ein grossformatiger Gemeindeplan und ein dazugehörendes Ordnerwerk dienen als roter Faden für alle Bauentscheide.
Fairnesszone, Ersigen BE
Eine Regelung, die faire Kommunikation zwischen Behörden, Bauherrschaften und Nachbarschaft sicherstellt – und dadurch Einsprachen präventiv reduziert. Ist man sich einig, kann dichter gebaut werden als das Reglement es vorsieht.
2. Die Interessenabwägung ist zentral #
Die Interessenabwägung ist das Kernstück der Raumplanung. Sie muss umfassend, stufengerecht und gut dokumentiert sein. Fehlt sie oder ist sie mangelhaft, können Planungen später in Frage gestellt werden. Was dagegen hilft, lesen Sie im nächsten Abschnitt.
Arbeitshilfen, Kurzfilme, Leitfäden, kantonale Wegleitungen – Grundlagen gibt es reichlich. Die eigentliche Herausforderung liegt in der sorgfältigen Anwendung der Methode. Ein zentraler Befund aus dem TK-Dialog: Die Interessenabwägung wird häufig zur nachträglichen Begründung eines bereits gefällten Entscheids eingesetzt – statt als echtes Instrument der Entscheidfindung. Das erhöht das Risiko von Einsprachen und Verzögerungen erheblich.
Deshalb:
Unangenehme Interessen früh ansprechen. #
Wer schwierige Anliegen in der ersten Phase umgeht, riskiert, dass sie später das gesamte Projekt blockieren.
3. Verdichtungshemmnisse und ihre Hebel #
Hemmnisse für die Verdichtung lassen sich in vier Kategorien einteilen:
- Soziokulturell: Widerstände gegen Veränderungen im Quartier, NIMBY-Haltungen («not in my backyard»), Angst vor Verlust von Grünflächen und Bäumen
- Rechtlich: Starre Vorschriften, komplexe Eigentumsverhältnisse, Schutzbestimmungen
- Technisch: Unklare Strategien, fehlende Kapazitäten bei Behörden, Infrastrukturen, die nicht auf höhere Dichte ausgelegt sind
- Wirtschaftlich: Hohe Projektkosten, Planungsunsicherheit, fehlende Investitionsanreize
Für jedes Hemmnis gibt es Hebel. #
Nutzungsboni, flexible Parkierungsvorschriften, Baulandmobilisierung und Zwischennutzungen sind bewährte Instrumente. Entscheidend ist, dass sie konsequent und koordiniert eingesetzt werden. Die Auslegeordnung von EspaceSuisse zeigt: Gute Beispiele existieren. Sie müssen sichtbarer werden – zum Beispiel mit diesem Artikel …
Wo findet man gute Beispiele?
Was eigentlich alle wissen #
Ein zentrales Ergebnis des TK-Dialogs ist ernüchternd und ermutigend zugleich: Leitfäden, rechtliche Grundlagen, Best Practices, Schulungen und Förderinstrumente für qualitätsvolle Innenentwicklung – alles ist vorhanden.
Nicht mehr Wissen ist nötig.
Sondern mehr Mut und mehr Vertrauen zwischen den Akteuren.
Der TK-Dialog hat gezeigt:
Qualitätsvolle Innenentwicklung ist möglich. Sie scheitert nicht an fehlenden Instrumenten, sondern an mangelndem Zusammenwirken. Um dieses zu verbessern und eine qualitätsvolle Innenentwicklung erfolgreich umzusetzen, sind folgende Faktoren entscheidend:
1. Innenentwicklung braucht Haltung – nicht nur Recht. #
Rechtsgrundlagen sind nötig, aber ohne gemeinsames Qualitätsverständnis bleiben Ergebnisse zufällig. Haltung heisst: ein klares gemeinsames Zielbild, verbindliche Qualitätskriterien und den Mut, diese im Verfahren auch einzufordern. So werden Projekte verlässlicher, schneller und akzeptierter.
2. Frühzeitiger, strukturierter Dialog ist der Schlüssel zum Erfolg. #
Kooperative Verfahren mit klaren Spielregeln reduzieren Konflikte und Nachbesserungen. Je früher Akteurinnen und Akteure zusammensitzen (Behörden, Eigentümerschaften, Planende, Bevölkerung, Verbände), desto besser werden Lösungen – fachlich, rechtlich und politisch.
3. Klare Zuständigkeiten machen den Unterschied. #
Komplexe Vorhaben brauchen sichtbare Verantwortung und Führung, eine zentrale Anlauf- und Koordinationsstelle, die moderiert, priorisiert und fachlich verknüpft. Das schafft Verlässlichkeit für die Politik, Verwaltung, Investoren und Bevölkerung.
4. Qualität ist mehr als Gestaltung: Es geht um Akzeptanz und Alltagsnutzen. #
Verdichtung überzeugt, wenn sie den Alltag verbessert: gute Aussenräume, soziale Infrastruktur, kurze Wege, Klimaschutz und Biodiversität. Verbindliche, verständliche Vorgaben übersetzen diese Qualitäten für alle Akteurinnen und Akteure.
5. Strategien geben Orientierung: Einzelprojekte allein reichen nicht. #
Ohne übergeordnetes Ziel bleibt die Innenentwicklung ein Stückwerk. Strategische Planungen wie Leitbilder, Richtpläne oder Masterpläne koordinieren Fachthemen, priorisieren Flächen und beschleunigen die Umsetzung.
Das gegenseitige Kennenlernen, die offenen Diskussionen und das geteilte Verständnis zwischen der öffentlichen Hand und den privaten Akteuren, das in drei Jahren des TK-Dialogs entstanden ist: Dies ist der nicht zu unterschätzende Wert des Projekts. Die Akteure sind eingeladen, diese Haltung in ihre Organisationen zu tragen und im Alltag zu leben.
Die Verantwortlichen der Überbauung Wankdorfcity in Bern machen vorwärts und haben eine stark verdichtete und zugleich vielfältige Arealplanung angestossen.
(Quelle: Rolf Mühlethaler Architekten)
Gemeinden
erarbeiten klare räumliche Strategien, gestalten Prozesse aktiv und benennen eine zentrale Koordinationsperson («Kümmerer»). Sie sind die Schlüsselakteure der Innenentwicklung.
Kantone
vereinfachen und harmonisieren Verfahren, unterstützen Gemeinden durch Schulung und Beratung und schaffen flexible rechtliche Rahmenbedingungen (z. B. für Parkierung, Baulandmobilisierung oder Nutzungsboni).
Der Bund
setzt Impulse über gezielte Förderprogramme, unterstützt Pilotprojekte und Modellvorhaben und fördert Plattformen für den Wissensaustausch – etwa densipedia.ch.
Investierende und Bauwirtschaft
suchen den Dialog früh, verstehen Qualität als Standortvorteil und investieren in lebendige Quartiere statt nur in Gebäude.
Privatpersonen und Verbände
nutzen Beteiligungsmöglichkeiten, beurteilen Projekte differenziert und unterstützen gemeinschaftliche, nachhaltige Nutzungen.
